Die Jäger und die Afrikanische Schweinepest:

Die anderen haben Schuld!

Im Januar 2014 hat die Afrikanische Schweinepest (ASP), aus Russland, Weißrussland und der Ukraine kommend, die Europäische Union erreicht (Polen und Baltikum). Die hoch ansteckende Seuche befällt sowohl Haus- als auch Wildschweine und ist für beide tödlich. Ein Impfmittel gibt es (im Unterschied zur klassischen Schweinepest) nicht.

Natürlich übertragen auch Wildschweine die Seuche, aber die PR-Abteilung des Deutschen Jagdverbands e. V. (DJV) ebenso wie die von Jägern dominierten Agrarministerien feuern aus allen Rohren Nebelkerzen, um davon abzulenken: „Der“ Mensch als solcher sei Schuld an der Ausbreitung der Seuche gen Westen, vor allem LKW-Fahrer aus Osteuropa, denn sie werfen Wurststullen aus dem Fenster, in denen das Virus lange überleben kann. Die Wurst fressen Wildschweine, die – nun also doch! – das Virus weitertragen.

Ein Rätsel bleibt, weshalb nach fünf Jahren die ASP immer noch nicht in der BRD angekommen ist, obwohl ein LKW von Ostpolen bis – sagen wir – Hannover keine zwei Tage unterwegs ist. Dennoch werden seit 2017 Autofahrer an deutschen Park- und Rastplätzen mit Ermahnungen in sechs Sprachen belästigt, wegen ASP keine Speisereste liegen zu lassen. Der DJV fordert zusätzlich noch, die Rastplätze wildschweindicht einzuzäunen — für die Autofahrer werden dann wohl Leitern aufgestellt?


Parkplatz an der B 191 bei Eschede – der Jäger schießt aus 250 m Entfernung in Richtung Bundesstraße

Auch von den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi hat niemand eine verseuchte Wurststulle mitgebracht und in die deutsche Landschaft geworfen (wie Wikipedia recherchiert hat), obwohl im benachbarten Georgien im Jahr 2007 die derzeitige Seuche ihren Anfang genommen haben soll.

Skandal: Die Balten werfen dauernd Wurststullen weg!

Die Karte stammt vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich-Loeffler-Institut) und zeigt die Verbreitung von ASP am Jahresende 2017. Ein roter Punkt steht für ASP in einer bäuerlichen Schweinehaltung, ein blauer Punkt für ASP bei einem Wildschwein. Manche Jäger sind offensichtlich farbenblind.


Quelle: https://www.fli.de/fileadmin/FLI/Images/Tierseuchengeschehen/afrikanische-schweinepest/Karten/2017/Map_ASF_2017.jpg

Seit September 2018 wurden in Süd-Belgien über 600 mit ASP infizierte Wildschweine gefunden. Wie das Virus dorthin gekommen ist, ist unsicher. Sicher ist aber, dass Wildschweine nun das Virus in alle Himmelsrichtungen verbreiten. Luxemburg fühlt sich bedroht und baut einen Zaun an seiner Grenze zu Belgien, ebenso Frankreich.

Im November 2019 wurden in West-Polen über 20 mit ASP infizierte Wildschweine gefunden, nur noch 80 km von der deutschen Grenze entfernt. Die Jägerpropaganda argumentiert gern mit damit, dass sich die Seuche in „riesigen Sprüngen“ ausbreite, schneller, als ein Wildschwein laufen könne — aber rechnen wir einmal nach: Nach 5 Jahren gelangt ASP von der Ost- zur Westgrenze Polens — das ergibt das Tempo einer Schnecke: 100 km pro Jahr!

Zum Jagen tragen lassen

Im schönen Niedersachsen leben – besser gesagt: vegetieren – 8,5 Millionen Schweine in Agrarfabriken, mehr, als Menschen dort hausen. ASP könnte einen Schaden im zweistelligen Milliardenbereich für die bäuerlichen Viehhalter verursachen. Verständlich, dass der Deutsche Bauernverband ganz bescheiden fordert, 70% der deutschen Wildschweine abzuschießen.

Die Jägerzeitschrift „Sauen“ gibt unumwunden zu:

„Die größte Gefahr für die Ansteckung mit dem Virus liegt in der Populationsdichte des Schwarzwilds. Wenn ein Autofahrer eine virulente Salamipelle aus dem Fenster wir[ft], dann ist die Chance nirgendwo so groß, dass ein Wildschwein diese aufnimmt, wie in Deutschland. Denn nirgendwo in Europa leben mehr Sauen pro Hektar als bei uns.“ (https://www.sauen.de/magazine-abos/sauen/mitten-im-treiben/, Ausgabe 02/2017)

Die Wildschweine dezimieren? Das wäre doch zu einfach!

„Leichter gesagt als getan. In der Jägerschaft selbst bremst man indes zu hohe Erwartungen. Einfach mehr jagen und die Gefahr wird gebannt?“

Rhetorische Frage! Der Vizepräsident der Landesjägerschaft Niedersachsen e. V. sagt ganz richtig: Die Jäger schießen doch schon soundsoviele Wildschweine tot.

„Trotzdem gelingt es nicht, mit dem Wachstum der Schwarzwildbestände Schritt zu halten.“

Warum auch: Jeder Jäger will möglichst viele Wildschweine in seinem Revier haben.

Den Wildschweinbestand senken?

„Das sei aber schwierig. 'Das Hauptaugenmerk muss auf Abfälle aus Osteuropa gelegt werden', so der Kreisjägermeister.“ (Cellesche Zeitung (CZ), 24. Jan. 2018)

Deshalb hat er sich höchstpersönlich fünf Monate später bei brütender Hitze und mitten im Wochenend- und Urlaubsreisestress auf der Autobahnraststätte Allertal mit erhobenem Zeigefinger auf osteuropäische LKW-Fahrer gestürzt, die aber leider nur dworzec und вокза́л verstanden (CZ, 7. Juli 2018).

Ein anderer Jäger mit dem vielsagenden Namen Hilmar von Münchhausen pinkelt die Bauern an:

„Damit überhaupt [!] wirksam gejagt werden könne, müssten zunächst die Landwirte beim Anbau von Mais und Rap[s] deutlich mehr Abstand zum Wald einhalten.“

Zuerst müssen die Bauern auf Ackerfläche verzichten. Dann entscheiden die Jäger, ob sie gerade einmal Lust und Zeit zum Jagen haben.

Denn die Jagd ist und bleibt ein Hobby: Ein Hobby soll doch Spaß bringen, es darf um Gottes willen nicht anstrengen und findet hauptsächlich am Wochenende statt. Ein Hobby ist Selbstzweck und ordnet sich keinem Zweck unter.

Auch will niemand die Jäger an ihre schon immer bestehende Pflicht erinnern, für einen „gesunden Wildbestand“ zu sorgen und ihn vor Wildseuchen zu schützen (Bundesjagdgesetz, §§ 1 und 23). Stattdessen stecken inzwischen mehrere Bundesländer den Hobbyjägern noch Geld in den Hintern, wenn sie ihrem Freizeitvergnügen nachgehen, z. B. Niedersachsen:

„Jäger, die mehr Schwarzwild erlegen als bisher, erhalten 50 Euro Aufwandsentschädigung pro Tier. Dafür wird zunächst die bisherige Zahl der erlegten Wildschweine genau ermittelt.“

Und wer liefert die Zahlen? Genau: Derjenige Jäger, der das Geld bekommen soll!

Aber wahrscheinlich sind 50 Euro nicht genug, um müde Jäger munter zu machen:

„Diese Strecke [48 tote Schweine] ist auf den ersten Blick nicht groß, zeigt aber deutlich die Schwierigkeiten auf, die wir mit der erforderlichen Bejagung der Wildsauen aufgrund der verzögerten landwirtschaftlichen Ernte hatten“, berichtet der Hegering Lachtetal über seine Jagdveranstaltungen an zwei Samstagen im November 2017 (Mitteilungsblatt der Samtgemeinde Lachendorf, Januar 2018, S. 31).

Wenigstens hatten diesmal nicht die Reiter, Radfahrer und Spaziergänger Schuld. Aber immer Schuld hat das Wetter: Mal ist es zu heiß, mal zu kalt, mal regnet es zu viel, mal zu wenig.

„Die Natur hat gegen uns gespielt“, schimpft der stellvertretende Kreisjägermeister, weil auch im darauf folgenden Jagdjahr 2018/19 die Celler Jäger — wie überhaupt die niedersächsischen Jäger insgesamt — wieder weniger Wildschweine totgeschossen haben als im Jahr davor (CZ, 17. Juli 2019).

Einladung zur Vetternwirtschaft

Wer hat sich das Geschenk an die niedersächsischen Jäger in Höhe von 3,5 Mill. Euro ausgedacht? Barbara Otte-Kinast, Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen seit 2017. Bei der Celler Kreisjägerschaft e. V. hat sie sich bald nach Amtsübernahme folgendermaßen eingeschmeichelt:

„Die gelernte Hauswirtschafterin, die aus einer Jägerfamilie und aus der Landwirtschaft stammt und in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingeheiratet hat, punktete dann auch erwartungsgemäß mit jagdlichen Kenntnissen und offenen Ohren für die Anliegen der Jägerschaft. Sie verstehe Politik als Dienstleistung. 'Wenn irgendwo der Schuh drückt, müssen wir es wissen, damit wir es ändern können', ermunterte sie die Anwesenden, ihre Wünsche und Sorgen vorzubringen.“ (https://celleheute.de/ministerin-zu-gast-bei-celler-jaegerschaft-schweinepest-und-nutria-population-bereiten-sorgen/, 04.03.2018, Autorin: Susanne Zaulick)

Dass auch Jäger durch Jagdreisen ASP-Viren verbreiten können, ist ihr völlig selbstverständlich. Deshalb lässt sie in dem von ihr herausgegebenen Landesjagdbericht 2018/19 auf S. 115 eine energische Aufforderung veröffentlichen: „Möglichst nicht in Gegenden, in denen ASP vorkommt, jagen.“

Die einzige echte Sorge, die die deutschen Jäger wegen ASP haben: An ASP würden auch Wildschweine massenhaft krepieren, die die Jäger über Jahrzehnte hinweg so aufopferungsvoll gehegt und gepflegt haben. Der Spaß an der Wildschweinjagd wäre vorläufig vorbei. Ob die Hl. Barbara für diesen Fall schon ein wenig Geld zurückgelegt hat?


Die Zitate ohne Quellenangabe stammen aus Land & Forst, Heft 3 vom 18. Januar 2018, S. 10. Land & Forst wird herausgegeben von der Landwirtschaftskammer Hannover und dem Niedersächsischen Landvolk e. V. (Landesbauernverband).

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http://eti-veth.de/ASP.htm
2019-11-22